Marie Schlittenbauer
Ein Interview von Axel Reese mit der Surf-Freestyle Weltmeisterin Marie Schlittenbauer
Diese Frage interessiert nicht nur Axel brennend: Eine Wingfoil-Weltmeisterin, die mit ihrer Familie in Rosenheim wohnt und erst mal drei Autostunden auf sich nehmen muss, um an einen guten Wingfoil-Spot zu kommen?
Das ist im Wingfoil World Cup eher ungewohnt, denn viele der Rider kommen direkt von den Top Spots wie z.B. aus Tarifa, Südfrankreich, Maui oder vom Columbia River. Andere reisen das ganze Jahr mit Privatlehrer für die Schule und noch dazu mit Wingfoil-Coach rund um den Erdball, immer auf der Suche nach den perfekten Wingfoil-Locations fürs Training und um es auf das Podium vom GWA World Cup zu schaffen.
Ja, es geht auch anders, wie man am Beispiel von Marie sehen kann. Dabei ist Marie auch in einer Surffamilie groß geworden, denn ihr Opa Franz Schlittenbauer war vor langer Zeit Geschäftsführer der Windsurfmarke F2 und später auch des Surfreise-Spezialisten Surf & Action Company, was dann über einige Jahre hinweg Maries Vater Markus in der Nachfolge übernahm.
Axel sprach mit der neuen Surf-Freestyle-Weltmeisterin, die erst seit anderthalb Jahren so richtig Wingfoilen geht und gar nicht so viel Aufhebens um ihre Person mag, weil sie "ja eine normale 15-jährige Gymnasiastin" ist.
Marie, wie fühlt es sich als Weltmeisterin an?
Es fühlt sich sehr gut an! Ich freue mich darüber, dass ich das geschafft habe, weil es auch mein erstes Jahr auf der World Tour gewesen ist.
Fast niemand aus der Wingfoil-Szene wird dich richtig kennen, stell dich gerne kurz vor.
Ich bin 15 Jahre alt und komme aus Rosenheim, gehe dort aufs Gymnasium und habe vor drei Jahren mit dem Wingfoilen angefangen. Mein Vater fing damit zuerst an, und dann haben wir alle in der Familie es ihm nachgemacht. Seit einem Jahr gehen wir fast nur noch Wingfoilen, davor waren wir mehr Kitesurfen.
Deinen Namen habe ich zum ersten Mal in der Heat-Order vom World Cup in Tarifa gelesen. Und dann bist du "aus dem Nichts" Weltmeisterin geworden!
Ja, ich habe erst Anfang 2025 mit den Wettbewerben angefangen und mein erster Event war der World Cup in Tarifa, wo ich Dritte geworden bin, und, ja, es ist gut für mich gelaufen.
"Gut gelaufen" ist dann aber – mit Verlaub – wohl ein bisschen untertrieben, denn um es nochmal zu betonen, bist du nicht wirklich an einem Hotspot fürs Wingfoilen beheimatet, sondern kommst aus Rosenheim, wo es nur sehr wenig Wasser und noch weniger Wind gibt.
Ja, richtig, bei uns gibt es praktisch nichts. Am Simssee geht es vielleicht ein oder zwei Mal im Jahr. Sonst haben wir hier nichts!
Und am Chiemsee?
Nein, das geht auch nicht. Am besten geht noch der Kochelsee, aber da ist es immer so kalt und der See ist fast zwei Autostunden von Rosenheim entfernt.
Wie viele Wochenenden verbringst du mit deiner Familie am Gardasee?
Ja, doch viele, fast jedes Wochenende über das Sommerhalbjahr hinweg sind wir am Lago.
Und wie viele Tage im Jahr kommst du aufs Wasser?
Vielleicht so 60 bis 80 Tage im Jahr.
Eine Wingfoil-Weltmeisterin, die gerade mal 60 bis 80 Tage aufs Wasser kommt. Na, da sind selbst an Norddeutschlands Küsten einige Hobby-Wingfoiler dabei, die noch mehr Boardzeit haben. Themawechsel: Du bist zu deinem Sponsor erst im Frühjahr 2025 gekommen. Tim Schubert, Sales Manager bei Duotone für die Bereich Wing & Foiling, hatte dich nach seinen Möglichkeiten mit Boards, Foils und Wings unterstützt.
Ja, ich habe ein Board bekommen und vom Testlager die Wings, die ich brauchte.
Wann hast du an deinem ersten Wettbewerb teilgenommen?
Das war der Event im Juni in Tarifa.
Und wann kam der Moment, dass du zu dir selber gesagt hast, "hey, hier geht ja mehr, ich kann hier ganz oben auf dem Podium stehen"?
Das war beim Familienurlaub im März in Ägypten, wo ich Palaus gelernt habe, und das war schon genau das, was die Frauen im World Cup gemacht haben. Da habe ich dann gedacht, dass das was werden kann. Im April waren wir auf Boa Vista, wo ich innerhalb der zwei Wochen Backflips und Frontflips gelernt habe und da verfestigte sich der Gedanke, an einem World Cup teilzunehmen.
Tim Schubert meinte über dich als Wingfoilerin, "hui, Marie ist ganz schön tough, sie trainiert mit den harten Jungs, und zwar eben auch mal die ganz harten Tricks!"
Ja, ich probiere das zu machen, was die Jungs um mich rum machen. Das sind mein Bruder Franz, Rocco Sotomayor und Franz Rappolder. In der Früh fahren wir meistens in Malcesine und am Nachmittag mit der Ora am Conca. Wir sind immer zusammen und üben die Tricks gemeinsam.
Bleiben wir bei den Tricks. Welche "harten" Moves hast du bereits im Gepäck?
Den Palau Backloop, Backmobe und den Double Palau.
Siehst du auch eine Verletzungsgefahr oder ist das nicht wirklich in deinem Kopf präsent?
Bis jetzt ist mir nichts passiert und deswegen habe ich diese Gedanken gar nicht, da muss man schon sehr reinhauen, dass da etwas passiert.
Kennst du beim Wingfoilen überhaupt "Angst vorm Wehtun"?
Nicht wirklich, weil ich doch nur ins Wasser fliege. Aber als ich Frontflips gelernt habe, da bin ich schon gut eingeschlagen, was „das Schlimmste“ gewesen ist, was bis hierhin passiert ist.
Kommt es dir zugute, erst 15 Jahre alt zu sein?
Ich glaube, dass ich schon Vorteile gegenüber Älteren habe und die Jungs, mit denen ich rausgehe, lernen auch schnell.
Du traust dich auch an die ganz schwierigen Tricks ran. Wie erlernst du neue Tricks?
Ja, ich sehe es, wie die anderen Jungs neue Tricks machen und wenn die das machen, auch auf Instagram, dann schaue ich mir das ein paar Mal an, dann probiere ich die Tricks doch genauso.
Tim Schubert meinte auch "hey, die Marie ist auch top athletisch". Wie sieht dein Programm auf dem Land, um für das Wingfoilen fit zu sein, aus?
Hmm, da habe ich nicht wirklich ein festgelegtes Workout. Aber im Skiclub machen wir ein Koordinationstraining und gehen zusammen Laufen. Sonst mache ich nichts wingfoilspezifisches.
Gehört man mit 18 Jahren im Freestyle World Cup bereits zum "alten Eisen"? So dürfte sich Chris McDonald vorkommen, der das Freestyle in den Saisons 2023 und 2024 fast nach Belieben beherrscht hatte, und nun von dem erst 14-jährigen Benjamin Castenskiold abgelöst worden ist.
Ja, der Großteil ist schon sehr jung. Bei uns fährt auch Sofia Ginzinger mit, die erst 12 Jahre alt ist. Die Jüngeren sind wohl besser. Aber es gibt auch ein paar über zwanzigjährige, die auf der World Tour mitfahren.
Themawechsel. Postwendend, so hört man, gab es nach deinem WM-Erfolg auch Angebote anderer Marken mit finanziell sehr attraktiven Angeboten. Was hat dich an Duotone festhalten lassen?
Ganz ehrlich, die neuen Unit D/LAB Wings sind krass, weil sie so viel Hangtime haben! Die sind richtig gut! Und das Aero Carve 3 Foil ist genauso krass, weil der Pop und RePop viel besser ist als bei anderen Marken.
Und für mich ist es sehr praktisch, dass der Sitz von Duotone in Oberhaching bei München liegt und wenn ich was brauche, dann ist es weniger als eine Stunde mit dem Auto dorthin und die Mitarbeiter sind gern für mich da.
Außerdem: Ich fahre wie gesagt natürlich viel mit Rocco Sotomayor vom Gardasee, Franz Rappolder und natürlich mit meinem Bruder Franz zusammen, die genauso Duotone haben, was uns gemeinsam auch viel bringt, weil es eben gleiche Boards, Foils und Wings sind, die wir benutzen.
Stichwort "RePops". Was sind die besten Combos, die du machst?
Ich mache "Palau to Palau to 360", das ist die beste Combo, die ich kann.
Deine Familie möchte gern um dich herum den Ball eher flachhalten, d.h. möchte eigentlich gar nicht so viel Aufhebens oder gar Hype um deine Person. Wie seht ihr das?
Ja, ich habe doch erst im World Cup angefangen und das Ganze kommt so plötzlich. Ich gehe doch ganz normal aufs Gymnasium in Rosenheim und bin eine normale Schülerin und komme gerade erst in die 10. Schulklasse.
Okay, kein Interview ohne den Blick in die Zukunft. Der Line-Manager von deinem Sponsor Duotone, Klaas Voget, meinte gerade, dass du eine sehr gute Chance hast, das Freestyle in den nächsten Jahren zu bestimmen. Wie ist dein Blick darauf?
Ich habe die Tricks schon sehr schnell gelernt, finde ich, und wenn ich von meinen Freundinnen so höre, die auch die World Cups mitfahren, haben sie viel länger gebraucht, um die Tricks zu lernen. Insofern hoffe ich schon, dass ich auch weiterhin vorne mitfahren kann. Das bleibt hoffentlich auch so. Und es macht auch unter den Ridern zusammen im World Cup viel Spaß gemeinsam Wingfoilen zu gehen, Spaß zu haben, und abzuhängen.
Du hast es bereits kurz angeschnitten, welches Material hast du unter deinen Füßen und Händen?
Bei meinen Sessions mit 20-25kn in Malcesine fahre ich folgendes Material: den neuen 4er Unit D/LAB, das Sky Style Board mit 55l Volumen, einen 82er Mast, und das Aero Carve 3 650er. Das Foil ist sehr schnell, hat einen tollen Pop und RePop und keine Turbulenzen im Freestyle, es gleitet super!
Die Saison 2026 steht in den Startlöchern und im April startet der erste GWA Surf-Freestyle Contest in Leucate. Wir drücken dir die Daumen.
25.02.2026 © WING DAILY | Text: Axel Reese / reemedia | Fotos/Grafiken: Duotone / Simone Girotti, Duotone / Uli Rappolder, fuerteventura-worldcup.org / Tom Brendt, GWA / Lukas K. Stiller, GWA / Samuel Cardenas